Artikel Ordnung
Artikel Startseite » Sportlegenden » Helmut Recknagel
Helmut Recknagel
 Ein verhinderter Fußballer, der als frischgebackener Geschäftsführer nicht vom Skispringen loskommt

Berlin, Bötzowstraße 15. Unweit der Kreuzung Danziger (ehemals Dimitroff)/Greifswalder. Ein großzügiger Eckladen "Sanitätshaus Orthopädische Werkstatt". Über der Tür steht: Dr. Recknagel. Seit der Eröffnung im November 1996 weiß man im Viertel: Hier führt einer der besten Skispringer aller Zeiten die Geschäfte.

Helmut Recknagel, immer noch drahtig (1,74 bei 70 Kilo - "mein Wettkampfgewicht"), ist nach wie vor überzeugt: Seine mit 17 Jahren getroffene Entscheidung für den Skisport hat Deutschland einen erstklassigen Fußballspieler vorenthalten. 1954 stand die Sache für den in beiden Sportarten hochtalentierten Jungen auf der Kippe: Entweder auf vorgegebenem Weg zum gerade gegründeten SC Motor Zella-Mehlis oder heimlich ab nach Kaiserslautern, zu den Walter-Brüdern. "Der deutsche WM-Sieg in Bern. Ich hab' die ganze Mannschaft bewundert. Aber besonders die beiden. Fritz und Otmar, das waren meine Leute. Ohne anzugeben - ich wär' ein großer Fußballer geworden. Mittelgroß, links und rechts, trickreich, technisch gut, Elfmeter geschossen und immer getroffen."

Die große Begeisterung für das runde Leder unterlag dann aber doch der anderen, ebenso großen für den Skisport, zu der noch die Vernunft kam: Nicht soweit weg von zuhause, ein Trainer, der einen kennt und dem man vertraut, die Garantie für einen ordentlichen Lehrabschluß und die Chance, "sich als Einzelkämpfer zu beweisen."

Die einmalige Chance, sich als Einzelkämpfer zu beweisen

Wie er das meint, versteht man, wenn Helmut Recknagel über Trainingsgemeinschaften und Siege redet. Noch heute spricht er mit größter Hochachtung von seinem Trainer Hans Renner, den Sportkameraden in Zella-Mehlis und den Kollegen in der Kugellagerfabrik ("Wir haben da, auch wenn es viele nicht glauben wollen, im Sommer und zwischen den Springen richtig gearbeitet.") spricht.

Aber seine Triumphe - die möchten schon ihm gehören. In der Stunde der Entscheidung konnte sie kein anderer für ihn erringen.

Und auch die Ansprüche waren seine: "Die wirklichen Siege waren für mich immer die, wo ich etwas geschafft hatte, was einmalig war. 1957 am Holmenkollen - vor mir stand da noch nie ein Mitteleuropäer ganz oben auf dem Treppchen. 1960 in SquawValley - es gab vorher noch keinen deutschen Skisprung-Olympiasieger. Oder beim Skifliegen: Bis heute hat da außer mir kein einziger fünfmal den Titel geholt. 1991 habe ich als erster Ostdeutscher auf der Internationalen Sportartikelmesse in München den ISPO-Pokal bekommen, eine hohe Auszeichnung, vor mir erhielten sie z. B. Franz Beckenbauer und Reinhold Messmer. Das ist etwas Wunderbares: Du bist der Erste - die anderen können es dir nur noch nachmachen.

Helmut Recknagel hat sein ausgeprägtes Selbstbewußtsein, geschöpft "aus hartem Training und nachgewiesener hoher Leistungsfähigkeit" nie bestritten. Wenn das zuweilen mancher mit Überheblichkeit verwechselt habe - das hätte ihn schon getroffen. Wie nach dem Olympiasieg, als er sich ein Bärtchen auf der Oberlippe wachsen ließ. Heute lacht man drüber, aber "damals habe ich Tausende Briefe bekommen mit Rasierklingen drin. Einerseits war ich gerührt, wieviele Menschen sich mit mir beschäftigten, andererseits begriff ich, daß das veränderte Äußere bei ihnen negativ ankam - so nach dem Motto: Der hebt ab"

Dabei wollte Recknagel, so berichtet er glaubhaft, als 22jähriger nur mal so aussehen wie Rastelli, der von ihm so verehrte italienische Jongleur. Na gut - nach einem Jahr war der Bart wieder ab. Der Anhänger wegen - ansonsten wär' er dran geblieben, schon aus Trotz: "Das muß man sich vorstellen, da ist großer Olympiaempfang. Ich komme mit meinem Bärtchen, und die von der Partei und die Funktionäre nehmen gar keine Notiz von mir. Nur an den Tischen haben sie sich entrüstet: ,Jetzt ist er wohl ganz verrückt geworden, der Schönling.'"

Es ist nicht so etwas wie ein spätes Märtyrerspiel, wenn Recknagel diese Episode erzählt. Dazu stand er dem Staat DDR viel zu loyal gegenüber. ("Hier habe ich gelebt, hier hatte ich Erfolg, hier wurde ich gefördert."), ans Abhauen dachte er nie. Nein, es war diese Art von Kleingläubigkeit und Intoleranz, die ihn verrückt machte und auch traurig. "War das ein Theater, als ich mal mit einem Sportler aus dem Westen in dessen Wagen auf Spritztour war. Dabei wußten sie doch, wie sehr ich schnelle Autos mochte." Die Quittung: Als nach dem Karriereende der Verband aus dem Ausland Angebote bekam, Recknagel als Trainer zu verpflichten, wurde dieser nicht mal informiert. Erst nach der Wende erfuhr er davon. Auch heute kommt ihm bei solchen Sachen der Kaffee hoch. Wie neulich, als das Angebot, in einer der größten Unterhaltungssendungen des deutschen Fernsehens, aufzutreten, plötzlich zurückgezogen wurde. "Hintenrum bekam ich mit, daß ich wegen eines Vorfalls aus dem Jahr 1958 als , rote Socke' wohl nicht tragbar erschien. Als Sieger der Skiflugwoche in Obersdorf hatte ich auf Anweisung der Mannschaftsleitung die Siegerehrung verlassen, als das Deutschlandlied gespielt wurde. Ausgemacht war aber die DDR-Hymne und wenn die nicht, dann Beethoven und wenn der nicht, dann der Tusch. Was hätte ich denn machen sollen. Sie haben doch die Regeln, so blöd das damals alles war, nicht eingehalten."

Und weiter: "Noch geht es zuviel um gegenseitige Vorwürfe - das hat der Osten falsch gemacht, das hat der Westen falsch gemacht. Wir müssen miteinander reden, uns gegenseitig wirklich verstehen lernen. Aber ich bin da optimistisch, auch wenn's sicher noch Zeit braucht."

Nocht geht es zuviel umgegenseitige Vorwürfe Der Skispringer Helmut Recknagel blieb sich auch noch Ende der sportlichen Karriere 1964 treu: Was man macht, das macht man ganz. Nachdem er sein Sportstudium hingeworfen hatte ("Es wollten einfach zu viele Trainer werden, da sah ich keine Perspektive."), begann er mit 27 Veterinärmedizin zu studieren. "Architekt wäre auch was gewesen. Meine Frau, wir sind seit 1962 verheiratet, brachte mir die bildende Kunst nahe. Aber Anatomie, der Körper, Bewegungsabläufe, auch Psychologie - das faszinierte mich sehr. Also Medizin, und bei Tieren, dachte ich mir, da mußt du auch zupacken. Das hält körperlich fit." Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten ("In Chemie und Physik bin ich durchgefallen.") meistert er das Studium, promoviert 1973 als Fachtierarzt für Lebensmittelhygiene. Die Arbeit im Kreis Frauenwalde macht Spaß. Er erschließt sich eine neue Welt und hat 1990 große Mühe zu begreifen, daß es nur noch eine vergangene ist: Ein Landrat, der ihn nicht mehr will ("Da ging es um persönliche Interessen, denen ein paar Leute, unter anderem ich, zum Opfer fielen."), eine Versicherung, bei der er viel lernt, dann ABM an der Humboldt-Uni, Altersübergangsgeld, eine Weile Koordinator bei einer privaten Krankentransportfirma ("Da habe ich vorher Lehrgänge besucht, neue Abschlüsse gemacht.").

Am 1. November 1996 dann der Durchbruch: Die Gesundheitsservice GmbH, Sanitätshaus, Orthopädische Werkstatt, als Geschäftsführer sein eigener Chef, vier Angestellte ("Wunderbare Kolleginnen und Kollegen, die Arbeit macht große Freude."). Das Geschäft läuft nicht schlecht - Recknagel startet wenige Wochen vor seinem 60. Geburtstag noch mal voll durch. Und der Sport? Helmut Recknagel zeigt auf ein paar Skier, auf ein paar kleine Tafeln, die an Squaw Valley und die Vierschanzentournee erinnern. Stille Wertung nennt er das. Doch die Augen verraten ihn: Der Mann kommt nicht los vom Skispringen. Erst am Wochenende hat er per TV den Weltcup verfolgt, er redet von Jens Weißflog ("Ich bewundere ihn, er ist für mich im Nachhinein nochmal zu einem Vorbild geworden.") mit nahezu väterlicher Zuneigung. Er spricht von seiner Zeit als internationaler Kampfrichter und von der vertanen Chance, 1990 FIS-Koordinator für Skispringen zu werden ("Da hab' ich mich einfach zu blöd angestellt, Fristen nicht eingehalten, unentschlossen war ich."). Und sagt: Wenn das Telefon klingelte und einer würde sagen, wir brauchen dich als Berater oder Trainer, ich würde nicht zögern.

Er weiß - es wäre ein Wunder. Aber auch an die glaubt der Wissenschaftler: "Als ich 1984 bei der Olympiade sah, der Jens Weißflog hat die Startnummer

Innerlich sauber mußt du sein, dann bleibst du lange jung

44, wußte ich, er gewinnt. 4 geteilt durch 4 = 1. Ich hatte in Squaw Valley auch die 44. Und 1962 in Zakopane als ich Weltmeister wurde, die 55. 5 geteilt durch 5 = 1.

Helmut Recknagel - eine sehr lebendige Sportlegende. Innerlich sauber mußt du sein, sagt er - dann bleibst du lange jung.

(Quelle: svz-online, Bernd Mackowiak )


Daten zu Dr. Helmut Recknagel

 geboren: 20. März 1937
Größe: 1,74 m
Gewicht: 70 kg
Beruf: Werkzeugmacher, Fachtierarzt für Lebensmittelhygiene
Tätigkeit: Geschäftsführer eines Sanitätshauses
Familienstand: verheiratet seit 1962 mit Eva-Maria, eine Tochter Heike
Hobbies: Bildende Kunst, Sport

Wichtige sportliche Erfolge: Olympiasieger und Weltmeister 1960 in Squaw Valley; Weltmeister 1962 Großschanze, WM-Dritter 1958, 1962 (kleine Schanze); Sieger der vierschanzentournee 1958, 1959, 1961; fünffacher Sieger der Skiflugwoche (heutige Skiflug-WM) 1957, 1958, 1960, 1961, 1962; Holmenkollen-Sieger 1957 und 1960; DDR-Meister 1959, 1962, 1963.

Auszeichnungen: Vaterländischer Verdienstorden in Gold, Silber und Bronze, Verdienter Meister des Sports, Fahnenträger der gesamtdeutschen Mannschaft bei den Olympischen Winterspielen 1960 in Squaw Valley.
 Kommentare
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
 Kommentar schreiben
Bitte logge dich ein, um ein Kommentar zu verfassen.
 Partner und Sponsoren

SV Sachsen

OSD

Dresdner SSV

AOK Sachsen

Fit 4 Marathon

Partner werden
 Ereignisse
<< Juni 2019 >>
Mo Di Mi Do Fr Sa So
          1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30

Keine Ereignisse.

 Foren Themen
Neueste Themen
New sexy website is availab...
Pokern – Trendsport zum Testen
Information im OSD.net der ...
3. Pokerabend am 11.09.2007
WM-Tippspiel
 Login
Benutzername

Passwort



Noch kein Mitglied?
Klicke hier um dich zu registrieren

Passwort vergessen?
Um ein neues Passwort anzufordern klicke hier.